Stell dir vor, deine Oma Erna wacht morgens auf, und der Rücken zwickt. Erster Gedanke: „Da muss etwas kaputt sein.“ Drei Tage später sitzt sie beim Arzt, ein MRT wird gemacht, und der Befund lautet: Verschleiß, Bandscheibe, Arthrose. Plötzlich trägt sie das Etikett „kaputt“ mit sich herum.

Kommt dir das bekannt vor? Genau hier setzt neurozentriertes Training an. Denn die spannende Frage ist nicht nur, was im Gewebe los ist, sondern auch, welche Information das Gehirn gerade bekommt und warum es sich überhaupt für Schmerz entscheidet.

In dieser Folge von AmygdaBLA dreht Kevin Grafen den gewohnten Blick auf Schmerz um. Schmerz ist nicht eingebildet und nicht „nur im Kopf“, aber er wird vom Nervensystem erzeugt, bewertet und reguliert. Und das verändert alles.

Episode 4 von AmygdaBLA, dem Podcast über das Gehirn und neurozentriertes Training.

🎧 Hier kannst du die Folge hören oder ansehen:

Was bedeutet „Schmerz ist eine Entscheidung des Gehirns“?

Kurz gesagt: Schmerz ist eine Schutzentscheidung des Gehirns und keine direkte Schadensmeldung aus dem Gewebe. Dein Nervensystem sammelt Informationen, bewertet die Lage und löst Schmerz dann aus, wenn es zu dem Schluss kommt, dass eine Gefahr bestehen könnte und es dich schützen sollte.

Das heißt nicht, dass Gewebe keine Rolle spielt. Entzündungen, Überlastung und strukturelle Veränderungen sind real. Aber Schmerz ist nicht dasselbe wie Schaden. Diese Unterscheidung ist der rote Faden der ganzen Folge.

Genau deshalb ist Schmerz so individuell. Das Gehirn trifft die Entscheidung auf Basis einer riesigen Datenlage, und die ist bei jedem Menschen anders.

Gibt es Schmerzrezeptoren? Nein, und das ändert deinen Blick auf Schmerz

Eine der zentralen Aussagen der Folge lautet: Es gibt keine echten Schmerzrezeptoren. Was wir haben, sind Nozizeptoren, also Gefahren- oder Bedrohungsrezeptoren, die mögliche Gewebeschädigungen melden.

Der entscheidende Punkt: Dieses Signal allein ist noch kein Schmerz, sondern nur ein Input. Erst das Gehirn entscheidet, ob daraus Schmerz wird und ob es deine Aufmerksamkeit überhaupt auf die betroffene Stelle lenkt.

Kevin bringt es mit dem angeschlagenen Ellenbogen auf den Punkt. Manche Menschen reagieren auf jede Kleinigkeit hochempfindlich, andere laufen mit ernsthaften Verletzungen herum, ohne viel zu merken. Beide Extreme sind ungünstig, und beide zeigen, dass zwischen Signal und Schmerz eine aktive Bewertung liegt.

Genau an dieser Bewertung setzt Neuroathletik an. Neuroathletik ist die praktische Anwendung neurozentrierten Trainings. Man verbessert gezielt die Qualität der sensorischen Informationen, mit denen das Gehirn arbeitet, damit es bessere Entscheidungen treffen kann.

Das Bedrohungsfass: Warum dein Gehirn manchmal grundlos Schmerz auslöst

Im neurozentrierten Training arbeiten wir gern mit dem Bild eines Bedrohungsfasses. Jeder Mensch kann ein gewisses Maß an Stressoren wegpuffern, das nennt man Resilienz. Läuft das Fass über, kann das Nervensystem mit einem Kompensationsmuster reagieren, zum Beispiel mit Schmerz oder Verspannung.

Was füllt dieses Fass? In der Folge nennt Kevin unter anderem:

  • Sensorische Qualität: Wie gut arbeiten Augen, Gleichgewichtssystem (vestibulär), Gehör und Propriozeption?
  • Frühere Erfahrungen: Die Spielplatz-Szene zeigt es gut. Fällt ein Kind hin, lernt es an der Reaktion der Eltern, ob Hinfallen gefährlich ist.
  • Erwartung: Wer beim Impfen schon mit dem Schlimmsten rechnet, empfindet oft intensiver.
  • Soziales Umfeld: Wenn Schmerz vor allem Aufmerksamkeit und Zuwendung bringt, wird er „wertvoll“. Eine ungünstige Kosten-Nutzen-Rechnung.
  • Kultur, Schlaf, Ernährung und Job-Stress: Alles zahlt auf das Fass ein.

Die Take-Away-Frage für dich lautet: Wo in deinem Leben ist gerade der größte Tropfen, der das Fass überlaufen lässt?

Befund ist nicht gleich Beschwerde: Was MRT-Bilder wirklich aussagen

Hier wird es für viele überraschend. Eine vielzitierte Übersichtsarbeit von Brinjikji und Kollegen aus dem Jahr 2015 hat Bildgebungs-Befunde von über 3.000 beschwerdefreien Menschen ausgewertet, also von Personen ganz ohne Rückenschmerzen. Das Ergebnis: Mit steigendem Alter zeigten immer mehr von ihnen ganz normale Verschleißzeichen. Bandscheiben-Degenerationen fanden sich bei rund 37 Prozent der 20-Jährigen und bei etwa 96 Prozent der 80-Jährigen, und das alles ohne Schmerzen.

Im Klartext: Ein gewisses Maß an Verschleiß ist normal und gehört zum Älterwerden dazu. Es ist selten der alleinige Grund für anhaltenden Schmerz.

Dazu passt ein weiterer Punkt aus der Folge. Auch Unzufriedenheit im Job gilt als erstaunlich starker Faktor für Rückenschmerzen. Das heißt nicht, dass du sofort kündigen sollst, aber es lohnt sich, ehrlich hinzuschauen, ob berufliche Unzufriedenheit ein Mitspieler ist.

Zwei weitere Phänomene zeigen, dass Schmerz und Schaden entkoppelt sein können. Beim Ermüdungsbruch laufen manche Menschen tagelang weiter, obwohl der Knochen angebrochen ist. Und beim Phantomschmerz spüren Betroffene Schmerz in einem Arm, der längst amputiert ist. Am Ende entscheidet die Körperkarte im Gehirn, nicht allein die Struktur.

Was das für Trainer, Therapeuten und Coaches bedeutet

Jetzt der Brückenschlag in die Praxis, und der ist für Fachleute entscheidend. Wenn Schmerz eine Entscheidung des Gehirns auf Basis vieler Inputs ist, dann reicht es nicht, immer nur die schmerzende Struktur zu behandeln.

Im neurozentrierten Training arbeiten wir nach dem Modell Input, Interpretation und Output. Beschwerden sind ein Output. Verbessere ich die Qualität der Inputs, also das visuelle, vestibuläre und propriozeptive System sowie die Atmung, und auch ihre Verarbeitung im Gehirn, kann sich der Output verändern.

Konkret heißt das in der Arbeit am Patienten oder Athleten:

  1. Sinnessysteme checken, statt nur das Symptom zu betrachten. Sehen, Gleichgewicht, Propriozeption und Atmung.
  2. Test und Retest nutzen. Eine Bewegung oder Schmerzempfindung vorher testen, gezielt einen Reiz setzen, zum Beispiel eine Augen- oder Gleichgewichtsübung, und danach erneut testen.
  3. Den größten Faktor im Bedrohungsfass herauspicken und genau dort ansetzen. Individuell, weil die Schmerzsignatur bei jedem Menschen anders aussieht.

In der Praxis zeigt sich deshalb manchmal das scheinbar Verrückte. Eine Knie- oder Rückenproblematik bessert sich, wenn man an Augen, Gleichgewicht oder Atmung arbeitet. Wer als Trainer oder Therapeut dieses Denken systematisch lernen will, findet den strukturierten Weg in der Neuro-Dimension Ausbildung, modular aufgebaut von Neuro-Basic über Neuro-Rehab und Neuro-Fusion bis Neuro-System.

Vorsicht: „Endlich schmerzfrei“ ist nicht das Ziel

Ein wichtiger Realitätscheck, den Kevin in der Folge betont: Komplett schmerzfrei im Sinne von „nie wieder Schmerz“ ist weder realistisch noch wünschenswert. Schmerz ist ein sinnvoller Schutzmechanismus. Fiele er ganz weg, würdest du einen Beinbruch nicht bemerken, und das wäre fatal.

Das Ziel ist also nicht kein Schmerz, sondern ein Nervensystem, das Schmerz wieder korrekt reguliert und nur dann auslöst, wenn er wirklich sinnvoll ist.

Und auch das gehört zur Seriosität: Übungen für die Sinnessysteme sind kein Spielzeug. Sie können kurzfristig fordern, und nicht jeder Reiz passt zu jedem Menschen. Bei anhaltenden oder starken Beschwerden gehört immer eine individuelle ärztliche Abklärung dazu.

Fazit: Schmerz verstehen heißt, das Nervensystem trainieren

Die Kernbotschaft der Folge in einem Satz: Schmerz ist zu 100 Prozent real, aber er ist eine Schutzentscheidung deines Gehirns und nicht der direkte Beweis für einen Schaden.

Befund ist nicht gleich Beschwerde. Verletzung ist nicht gleich Schmerz. Genau deshalb lohnt es sich, über den Tellerrand der Struktur hinauszuschauen, auf Schlaf, Ernährung, Stress, soziales Umfeld, Atmung und die Qualität deiner Sinnessysteme.

Hier liegt die Stärke von neurozentriertem Training und Neuroathletik. Statt nur das Symptom zu jagen, geben wir dem Gehirn wieder bessere Informationen, damit es Bewegung als sicher einstufen kann.

Du arbeitest mit Menschen und willst dieses Denken systematisch lernen? Dann schau dir die Neuro-Dimension Ausbildung an, aktuelle Termine findest du dort auf der Startseite. Für einen niederschwelligen Einstieg eignet sich das kostenfreie Webinar „Was ist neurozentriertes Training?“. Du willst dein ganzes Team oder deine Praxis schulen? Dann sind die Inhouse-Schulungen der richtige Weg. Und wenn du tiefer einsteigen willst, findest du passende Bücher und Literatur.

Abonniere AmygdaBLA, damit du keine Folge verpasst, und schreib mir gern, welche Themen ich aus neurozentrierter Sicht beleuchten soll.

🎧 Nochmal reinhören:

Häufige Fragen zur Folge

Ist Schmerz wirklich „nur im Kopf“?

Nein. Schmerz ist zu 100 Prozent real, du bildest ihn dir nicht ein. Er wird allerdings vom Nervensystem erzeugt, bewertet und reguliert. Das Gehirn löst Schmerz als Schutzmechanismus aus, wenn es eine mögliche Gefahr vermutet, unabhängig davon, ob tatsächlich ein Schaden vorliegt.

Bedeutet ein Verschleiß-Befund im MRT, dass er meine Schmerzen verursacht?

Nicht automatisch. Eine Übersichtsarbeit von Brinjikji und Kollegen (2015) zeigte, dass viele beschwerdefreie Menschen ebenfalls Verschleiß oder Bandscheibenveränderungen haben, ganz ohne Schmerzen. Ein gewisses Maß an Verschleiß ist normal und selten der alleinige Grund für anhaltenden Schmerz.

Was ist neurozentriertes Training?

Neurozentriertes Training ist ein Ansatz, der das Nervensystem als Steuerzentrum von Bewegung, Schmerz und Leistung in den Mittelpunkt stellt. Über das Modell Input, Interpretation und Output verbessert man gezielt die Qualität sensorischer Informationen wie des visuellen, vestibulären und propriozeptiven Systems sowie der Atmung, damit das Gehirn bessere Entscheidungen treffen kann.

Warum sollten Therapeuten und Trainer Neuroathletik lernen?

Weil Schmerz und Leistung von vielen Faktoren abhängen, nicht nur von der betroffenen Struktur. Wer die Sinnessysteme prüfen und gezielt trainieren kann, hat oft einen zusätzlichen Hebel, gerade dann, wenn klassische Ansätze nicht weiterhelfen. Systematisch lernen lässt sich das in der modular aufgebauten Neuro-Dimension Ausbildung.

Kann ich mit neurozentriertem Training komplett schmerzfrei werden?

Komplette, dauerhafte Schmerzfreiheit ist weder realistisch noch sinnvoll, da Schmerz ein wichtiger Schutzmechanismus ist. Ziel ist ein Nervensystem, das Schmerz wieder korrekt reguliert und nur dann auslöst, wenn er tatsächlich sinnvoll ist. Bei anhaltenden Beschwerden gehört immer eine individuelle Abklärung dazu.

Disclaimer: Dieser Beitrag dient der Information und Aufklärung. Er ersetzt keine individuelle Diagnostik oder Therapie und stellt kein Heilversprechen dar. Bei anhaltenden oder starken Beschwerden wende dich bitte an eine qualifizierte ärztliche oder therapeutische Fachperson.