Dein Kind zappelt im Stuhl, liest stockend, verdreht beim Schreiben die Buchstaben und kommt aus der Schule, als hätte es einen Marathon hinter sich. Schnell fallen dann Worte wie „faul“, „unmotiviert“ oder „zappelig“. Aber was, wenn das Kind sich gar nicht so verhält, weil es nicht will, sondern weil sein Nervensystem für scheinbar einfache Dinge gerade sehr viel Energie verbraucht?

Genau hier setzt neurozentriertes Training an. Es rückt das Nervensystem in den Mittelpunkt und fragt nicht nur „Was kann das Kind nicht?“, sondern „Welche Informationen bekommt das Gehirn gerade, und wie gut kann es sie verarbeiten?“

In dieser Folge von AmygdaBLA geht es genau darum, und zwar im Gespräch mit jemandem, der seit über 20 Jahren mit Kindern, Eltern und Fachpersonen arbeitet.

Premiere: die erste Interviewfolge von AmygdaBLA, der „Hirnstammtisch“, zu Gast ist Astrid Buscher.

🎧 Hier kannst du die Folge hören oder ansehen:

Wer ist Astrid Buscher?

Astrid Buscher ist Diplom-Sportökonomin, Kinder-Neuro-Coach sowie Leitung und Geschäftsführung des Schlaukopf-Instituts für systemisches Lernen. Sie ist außerdem wissenschaftliche Leitung des ARTZT Instituts der Ludwig Artzt GmbH, Z-Health Movement Specialist für neurozentriertes Training, Dozentin, Autorin und Speakerin.

Ihr Schwerpunkt liegt auf Lernschwierigkeiten und neuronalen Unreifen bei Kindern, auf kindlicher Wahrnehmung und sensomotorischer Entwicklung. Gemeinsam mit Kevin Grafen hat sie das Buch „Neuronales Training für kleine Köpfe“ geschrieben. Dass ihr das Thema so am Herzen liegt, hat auch persönliche Gründe, denn sowohl sie selbst als auch ihr Sohn haben Lernschwierigkeiten erlebt und am eigenen Leib gespürt, wie viel ein anderer Blick verändern kann.

Was hat Lernen mit dem Nervensystem zu tun?

Kurz gesagt: Lernen, Bewegung und Wahrnehmung lassen sich nicht voneinander trennen. Das Nervensystem nimmt Informationen aus Augen, Ohren, Gleichgewicht und Körper auf, verarbeitet sie und führt sie zusammen. Nur wenn dieses Zusammenspiel sauber funktioniert, läuft Lernen entspannt ab.

Ein Beispiel aus dem Schulalltag macht das greifbar. Ein Kind schaut an die Tafel, liest dort etwas, blickt zurück ins Heft und schreibt es ab. Dabei wechseln die Augen ständig zwischen Ferne und Nähe, müssen blitzschnell scharf stellen und genau in der richtigen Zeile landen. Wir setzen das einfach als selbstverständlich voraus.

In der Praxis zeigt sich aber häufig, dass genau das nicht rund läuft. Wenn die Augen jedes Mal ein paar Millisekunden länger brauchen oder an der falschen Stelle landen, kostet das über einen ganzen Schulvormittag enorm viel Energie. Und diese Energie fehlt dann für Konzentration, Zuhören und Denken.

„Mein Kind ist nicht faul“: Warum Verhalten oft ein unreifes Nervensystem ist

Ein zentraler Gedanke der Folge: Viele Kinder sind nicht unmotiviert oder zappelig, sie arbeiten schlicht mit einem noch unreifen Nervensystem. Astrid mag den Begriff „unreif“, weil er kein Urteil ist, sondern eine Beschreibung. Das Gehirn macht seinen Job an manchen Stellen noch nicht so, wie es für das Kind am leichtesten wäre.

Wichtig dabei, und das betont Astrid ausdrücklich: Dafür kann niemand etwas. Ursachen können eine schwierige Geburt, ein Notkaiserschnitt, Stress im ersten Lebensjahr oder einfach zu wenig Bewegungserfahrung sein. Die gute Nachricht ist, dass das Nervensystem plastisch ist. Es kann sich weiterentwickeln, auch wenn am Anfang etwas nicht optimal lief.

Wir kommen mit einem riesigen Potenzial auf die Welt, mit unzähligen Nervenzellen und der Möglichkeit, sie zu vernetzen. Damit aus kleinen Feldwegen Autobahnen werden, über die Informationen schnell laufen, braucht es vielfältige Bewegungs- und Wahrnehmungsreize. Und genau die bekommen viele Kinder heute nicht mehr in dem Maße wie früher.

Augen, Gleichgewicht und Körperwahrnehmung: die unsichtbaren Grundlagen

Hinter Lernschwierigkeiten steckt oft kein medizinisches Problem. Der Augenarzt sagt, das Kind braucht keine Brille, der Ohrenarzt bescheinigt gutes Hören. Das stimmt sogar, denn Ärzte prüfen, ob das Organ gesund ist. Sie prüfen aber meist nicht, wie gut die Funktion im Zusammenspiel klappt.

Genau diese Funktion macht den Unterschied. Astrid nennt typische Beobachtungen, an denen Eltern und Fachpersonen früh hellhörig werden können:

  • Gleichgewicht, Variante Vermeidung: Kinder laufen spät, klettern ungern, meiden wilde Bewegung und wirken unsicher.
  • Gleichgewicht, Variante Tempo: die „Kamikaze-Kinder“, die ihr unreifes Gleichgewicht über Geschwindigkeit ausgleichen, ständig in High Speed unterwegs, mit vielen Beulen.
  • Ungeschick: Kinder, die jede Tischkante mitnehmen, oft stolpern oder hinfallen, ohne dass man einen Grund sieht.
  • Visuelles System: wenig Blickkontakt, Blick zum Boden, das klassische umgestoßene Glas beim Essen.

All das sind keine Diagnosen, sondern Hinweise. Sie zeigen, dass es sich lohnt, genauer hinzuschauen, statt das Kind vorschnell zu bewerten.

Frühkindliche Reflexe: Was der Greifreflex mit der Schrift zu tun hat

Frühkindliche Reflexe sind reflexhaft ausgelöste Bewegungsabfolgen, die uns die Natur in die Wiege legt. Sie ermöglichen die Geburt, den ersten Atemzug, das Saugen und das Greifen. Im Laufe der Entwicklung sollten sie sich „integrieren“, also nur noch in echten Notsituationen auftauchen.

Ein schönes Beispiel ist der Handgreifreflex. Legt man einem Baby den Finger in die Hand, greift es fest zu. Wunderschön, aber eben ein Reflex. Bleibt dieser Reflex zu stark aktiv, kann jede Berührung der Handinnenfläche die Faust schließen. Beim Schreiben muss das Kind dann ständig gegen den eigenen Reflex arbeiten, und das kostet viel Kraft.

Ein typisches Zeichen dafür ist, wenn ein Kind den Stift mit der ganzen Faust umklammert und die Spitze fast senkrecht aufs Papier presst. Ob dahinter wirklich der Reflex steckt oder eine noch unreife Körperwahrnehmung der Hand, muss man im Einzelfall genauer anschauen. Klar ist aber, dass solche Muster ein wichtiger Hinweis sind.

Warum fällt das oft erst in der dritten oder vierten Klasse auf?

Die Antwort liegt in einem Wort: Kompensation. Solange ein Kind in einer entspannten Umgebung lebt, viel spielt und draußen ist, kann es vieles ausgleichen. Schwierig wird es, wenn der Druck steigt und viele Dinge gleichzeitig gefordert werden, also Zuhören, Lesen, Schreiben und langes Stillsitzen.

Weil die betroffenen Kinder normal bis überdurchschnittlich intelligent sind, kompensieren sie oft erstaunlich lange. Erst wenn dieses Muster an seine Grenzen kommt, meist im dritten oder vierten Schuljahr, wird das Problem für alle Beteiligten sichtbar. Genau deshalb lohnt sich der frühe Blick.

Übungen für zuhause: spielerisch das Nervensystem fördern

Das Schöne an dem Ansatz ist, dass vieles spielerisch geht und Kindern Spaß macht. Astrid teilt in der Folge eine ganze Reihe einfacher Ideen, die du als Anregung verstehen darfst:

  1. Kuhschubsen: Das Kind geht in den Vierfüßlerstand und wird sanft aus verschiedenen Richtungen angeschubst, ohne umzufallen. Trainiert reflexive Stabilität, und alle haben Spaß.
  2. Schaukeln und Drehen: kleine Kinder an der Hüfte hochheben und vor und zurück bewegen, größere Kinder kontrolliert kopfüber durch die Beine ziehen. Schnelle Bewegungen zeigen dem Gehirn, dass nicht jede Lageveränderung Gefahr bedeutet.
  3. Pendelball: Das Kind liegt auf dem Rücken, ein hängender Ball pendelt darüber, und das Kind folgt ihm nur mit den Augen. So bringt man Beweglichkeit ins visuelle System, ohne dass das Gleichgewicht stört.
  4. Fingertipps: Mit geschlossenen Augen zwei Finger antippen, das Kind soll erkennen, welche es waren. Eine feine Übung für die Körperkarte der Hand.
  5. Atemübung gegen das Hochschaukeln: durch die Nase auf drei einatmen, kurz halten, auf vier bis sechs ausatmen. Schon ein paar Atemzüge können ein Kind spürbar ruhiger werden lassen.

Ein wiederkehrender Punkt: Bewegung trainiert nie nur eine Sache. Wer wirft, fängt und rollt, fordert ganz nebenbei die Augen, das Gleichgewicht und die Körperwahrnehmung mit.

Was Fachpersonen daraus mitnehmen

Für Trainer, Therapeuten und Coaches ist die Folge mehr als eine nette Elterngeschichte. Sie zeigt, dass viele Lernthemen sinnvoll über die Sinnessysteme gedacht werden können, statt nur am Symptom zu üben. Genau das ist der Kern von neurozentriertem Training und der praktischen Anwendung, die man als Neuroathletik bezeichnet.

Astrid weist im Gespräch ehrlich darauf hin, dass es in diesem Feld bislang wenig Forschung gibt und vieles auf praktischer Erfahrung beruht. Genau deshalb ist solides Hintergrundwissen so wichtig, damit man Beobachtungen richtig einordnet und nicht überinterpretiert.

Wer dieses Denken systematisch lernen will, findet den strukturierten Weg in der Neuro-Dimension Ausbildung, modular aufgebaut von Neuro-Basic über Neuro-Rehab und Neuro-Fusion bis Neuro-System. Für Praxen und Teams, die das Thema gemeinsam vertiefen möchten, eignen sich die Inhouse-Schulungen. Und wenn du tiefer in die Arbeit mit Kindern einsteigen willst, lohnt ein Blick in die Literatur, allen voran das gemeinsame Buch „Neuronales Training für kleine Köpfe“.

Vorsicht: Beobachtung ist kein Ersatz für Diagnostik

So spannend die Übungen sind, ein paar Dinge gehören klar gesagt. Die genannten Hinweise sind keine Diagnosen, und die Übungen ersetzen keine individuelle Abklärung. Bei stärkeren Auffälligkeiten oder einer bestehenden Diagnose wie Legasthenie, Dyskalkulie, ADHS oder einer Autismus-Spektrum-Störung gehört eine fachliche Begleitung dazu.

Astrid bringt es selbst auf den Punkt: Kinder dürfen fallen und Bewegungserfahrungen sammeln, aber immer in einem geschützten Rahmen. Wenn ein Kind in jungen Jahren gar keinen Spaß an schnellen Bewegungen hat, ist das eher ein Signal, langsamer und vorsichtiger heranzugehen, nicht wilder.

Fazit: Bewegung, Wahrnehmung und Lernen gehören zusammen

Die Kernbotschaft der Folge in einem Satz: Bewegung, Wahrnehmung und Lernen lassen sich bei Kindern nicht trennen. Ein Kind, das in der Schule kämpft, ist selten faul, sondern arbeitet oft mit einem Nervensystem, das gerade noch sehr viel Energie für die Grundlagen verbraucht.

Die gute Nachricht bleibt die Neuroplastizität. Mit den richtigen Bewegungs- und Wahrnehmungsreizen lässt sich viel nachholen, gerade in der frühen Kindheit. Ermögliche deinem Kind viel Bewegung, lebe Bewegung selbst vor, und halte digitale Medien so lange wie möglich fern, denn ein unreifes Nervensystem kann mit diesen Reizen noch nicht gut umgehen.

Hier liegt die Stärke von neurozentriertem Training und Neuroathletik. Statt nur am Symptom zu arbeiten, geben wir dem Gehirn wieder bessere Informationen, damit Lernen leichter und entspannter werden kann.

So erreichst du Astrid Buscher und das Schlaukopf-Institut

Du möchtest mehr für dein Kind tun oder dich fachlich weiterbilden? Astrid und ihr Team sitzen mit dem Schlaukopf-Institut in Erkelenz am Niederrhein, westlich von Köln. Den ersten Kontakt nimmst du am besten per E-Mail über die Website auf, da das Team viel mit Kindern arbeitet.

Solltest du Astrid einmal nicht erreichen, kannst du dich auch direkt an Kevin wenden, der gerade bei Kinderthemen gern weitervermittelt. Für einen niederschwelligen Einstieg ins Thema eignet sich außerdem das kostenfreie Webinar „Was ist neurozentriertes Training?“.

Abonniere AmygdaBLA, damit du keine Folge des Hirnstammtisches verpasst, und schreib gern, welche Themen wir aus neurozentrierter Sicht beleuchten sollen.

🎧 Nochmal reinhören:

Häufige Fragen zur Folge

Was hat Bewegung mit dem Lernen meines Kindes zu tun?

Sehr viel. Bewegung, Wahrnehmung und Lernen lassen sich nicht trennen. Über Bewegung entwickeln Kinder Gleichgewicht, Körperwahrnehmung und die Steuerung der Augen. Funktionieren diese Grundlagen gut, ist mehr Energie für Konzentration, Lesen und Schreiben frei.

Mein Kind ist zappelig und unkonzentriert. Ist es einfach faul?

Sehr wahrscheinlich nicht. Häufig steckt ein noch unreifes Nervensystem dahinter, das für scheinbar einfache Aufgaben viel Energie verbraucht. Das ist kein Urteil und niemandes Schuld. Weil das Nervensystem plastisch ist, lässt sich mit gezielten Bewegungs- und Wahrnehmungsreizen oft viel nachholen.

Warum erkennt mein Arzt das Problem nicht?

Ärzte prüfen, ob ein Organ gesund ist, zum Beispiel ob das Auge eine Brille braucht oder das Ohr gut hört. Sie schauen aber meist nicht, wie gut die Funktion im Zusammenspiel klappt. Viele Kinder mit Lernschwierigkeiten sind organisch völlig gesund und haben „nur“ ein Nervensystem, das anders arbeitet.

Was ist neurozentriertes Training?

Neurozentriertes Training ist ein Ansatz, der das Nervensystem als Steuerzentrum von Bewegung, Wahrnehmung und Lernen in den Mittelpunkt stellt. Statt nur am Symptom zu arbeiten, verbessert man gezielt die Qualität sensorischer Informationen aus Augen, Gleichgewicht und Körper, damit das Gehirn leichter arbeiten kann.

Wie können Fachpersonen das Thema lernen?

Über fundierte Weiterbildung. Wer mit Kindern, Patienten oder Athleten arbeitet, kann neurozentriertes Training systematisch in der Neuro-Dimension Ausbildung erlernen, die modular von den Grundlagen bis zur Neuroanatomie aufgebaut ist. Ergänzend bietet das Schlaukopf-Institut Coachings und Seminare speziell rund um kindliche Entwicklung an.

Disclaimer: Dieser Beitrag dient der Information und Aufklärung. Er ersetzt keine individuelle Diagnostik, Förderung oder Therapie und stellt kein Heilversprechen dar. Bei anhaltenden oder ausgeprägten Auffälligkeiten wende dich bitte an eine qualifizierte Fachperson.